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Erich Kästner: das fliegende Wirtshauszimmer

Die Werke Erich Kästners sind jung wie eh und je - ob es um seine vielgelesenen Jugendbücher geht oder um seine zu Unrecht unbekannteren Romane für Erwachsene. Und wie steht es mit dem Essen und Trinken bei Kästner? Und mit Übernachtungen? Gehen wir doch einfach einmal auf Litera-Tour bei ihm - sozusagen im "fliegenden Wirthauszimmer"!

 

Eine ganz besondere Rolle spielt das Essen für Matthias aus dem "Fliegenden Klassenzimmer". Als zukünftiger Profi-Boxer sieht er sehr auf seine Ernährung - allerdings mehr auf die Quantität als auf die Qualität. "Ich brauche dringend zwanzig Pfennige für eine Tüte Kuchenränder. Hast du Moneten?" fragt er seinen Freund Uli beispielsweise - gleich nachdem sie vom Mittagstisch im Internat aufgestanden sind. Und auch vor der "historischen Schneeballschlacht" mit den Realschülern kauft er sich noch schnell eine Tüte Semmeln, denn "wenn ich nichts esse, kann ich nachher nicht zuschlagen".

 

Palatschinken statt Kalbssschnitzel

 

Auch beim "Doppelten Lottchen" sind die Speisen wichtig. Da die zwei Mädchen ihre Rollen tauschen wollen, muß Lotte der Luise diktieren, was denn ihre Mutter gern isst, und wo die Zutaten zu besorgen sind. Keine leichte Aufgabe, die da auf Lotte zukommt, denn Kochen musste sie beim Vater bisher noch nie. "Nudelsuppe mit Rindfleisch" übrigens ist das Lieblingsgericht der Luiselotte Palfy, gekocht auf einem "halben Pfund Querrippe, schön durchwachsen". Auf der anderen Seite muß sich Lotte an ein neues Lieblingsgericht gewöhnen: an Palatschinken nämlich, die Louise zu Unmengen im "Imperial" vertilgt. "Zu dumm, dass ausgerechtet gefüllte Palatschinken dein Lieblingsgericht ist", seufzt sie. "Kalbsschnitzel und Gulasch wären mir lieber!"

 

Kognaksoda, Fleisch und Wurst

 

Essen und Trinken gehören in Kästners Roman "Fabian" zu den Genüssen, die eher am Rande abgehandelt werden. Doch bestimmte Vorlieben werden erwähnt: So trinkt der Titelheld in einem Club "Kognaksoda". In einem anderen Etablissement, "Haupts Säle", bestellt Fabians Freund Labude Likör, nachdem sich zwei "Damen" zu ihnen gesellt haben. "Lottchen von der Theke füllte die Gläser", schreibt Kästner. "Die Frauen tranken, als ob sie acht Tage nichts gegessen hatten." Die vier ziehen sich in eine der vielen "Nischen" zurück und bestellen eine Aufschnittplatte: "Als der Teller mit Fleisch und Wurst vor den Mädchen stand, vergaßen sie alles übrige und kauten drauflos." Mit einer ganz ähnlichen Mahlzeit bewirtet Fabian seine neue Freundin Cornelia, nachdem sie erklärt hatte: "Wenn ich wen liebhabe, ich meine, wenn mich jemand liebgehabt hat, aber du verstehst mich schon, ja?, dann hab ich hinterher immer fürchterlichen Hunger." Fabian schleppt daraufhin "Teller, Messer, Gabel, Brot und Wurst und Keks herbei und markiert, während sie aß, den aufmerksamen Oberkellner".

 

Delikate Nudelsuppe

 

Hauptsächlich in einem Hotel spielt Kästners "Drei Männer im Schnee". Aufgrund von mehrfachen Verwechslungen wird dort ein einfacher Mann für einen spleenigen Millionär gehalten, während der tatsächliche Millionär in eine schäbige Stube unterm Dach abgeschoben wird. Klar, daß daraus eine ganze Reihe von komischen Situationen entstehen: etwa, wenn dem angeblichen Millionär sein Lieblingsessen serviert wird (übrigens auch wieder Nudeln mit Rindfleisch), während die anderen Gäste bei ihren gestoven Rebhühnern sitzen und in ihrer Gefallsucht die Nudelsuppe ansehen, als sei sie "die ausgefallenste Delikatesse".

   

Das Kästner-Menü

 

Man sieht: Kästner eignet sich kaum als Tippgeber für ein ausgesuchtes, erlesenes Menü. Doch warum sollte man nicht auch einmal mit einem Kästner-Eintopf aufwarten? Eine Aufschnittplatte "Fabian" wäre als Vorspeise schnell zubereitet. Dann folgte als Hauptgericht die Rindfleischsuppe mit Nudeln à la Luiselotte Palfy sein, wozu Semmeln nach Art des Fliegenden Klassenzimmers gereicht werden. Als Nachtisch gibt's gefüllte Palatschinken à la Doppeltes Lottchen.

 

Manfred Kellner

 


Gottfried Keller: Üppig oder frugal – zu Gast bei den Leuten von Seldwyla

 

Ob in den Gedichten, in den Romanen oder in den Novellen – immer wieder setzen sich die handelnden Personen in den Werken von Gottfried Keller zu Tisch. Und da geht es ebenso oft frugal wie üppig zu. Spüren wir also einmal den Rezepten der „Leute von Seldwyla“ auf einer Litera-Tour nach!

 

Kleider machen satt

 

Legendär der Aufwand, der in Goldach, einen Nachbarstädtchen von Seldwyla, mit einem armen Schneider namens Strapinski getrieben wird, weil er mit einem Grafen verwechselt wird. „Kleider machen Leute“ – ja, aber Kleider machen in diesem Fall auch Leute satt. Denn der Wirt will sich gegenüber dem vermeintlichen Adligen nicht lumpen lassen und tischt auf: Rinderbrühe, Rebhuhnpastete, Koteletts, Forelle, Hammelbraten, Gurken, Kirschen, Birnen, Aprikosen sowie drei Teller mit frischen Backwerk und eine Torte. Dazu serviert er eine ausgesuchte Flasche Bordeaux, während er seinem Gast nach dem Essen die Wahl zwischen „einem Glas alten Tokaier oder einem Glas Champagner“ lässt.

 

Spiegels kulinarische Landschaft


Ähnlich üppig lebt „Spiegel, das Kätzchen“ beim Zaubermeister Pineiß, der den Kater mästen will, weil der ihm vertraglich für eine Zeitlang Wohlleben sein „Schmer“, sein Fett also, verkauft hat: „Er baute daher für Spiegel eine ordentliche Landschaft in seiner Stube. Auf die Bäumchen setzte er duftig gebratene Lerchen, Finken, Meisen und Sperlinge, so dass da Spiegel immer etwas herunterzuholen und zu knabbern vorfand. In die kleinen Berge versteckte er in künstlichen Mauslöchern herrliche Mäuse, welche er sorgfältig mit Weizenmehl gemästet, dann ausgeweidet, mit zarten Speckriemchen gespickt und gebraten hatte. Das Becken des Sees aber füllte Pineiß alle Tage mit frischer Milch und ließ gebratene Gründlinge darin schwimmen.“

 

Ein verhängnisvolles Himbeertörtchen

 

Soviel Wohlgeschmack kann verhängnisvoll werden, doch Spiegel riecht den Braten rechtzeitig und macht dem Zauberer einen Strich durch die Rechnung. Ganz anders der Held aus „Der Schmied seines Glückes“. Er lässt sich von der scheinbar schlafenden Frau seines Wohltäters – die noch ein „halb aufgegessenes Himbeertörtchen“ in der Hand hält – hinreißen und muss später erkennen, dass es diese Liaison ist, die ihm beim Schmieden seines Glückes ganz entscheidend im Wege steht.

 

Handwerks-Essen und Bauern-Imbiss

 

„Pankraz, der Schmoller“, bringt Mutter und Schwester bei seiner Heimkehr ein feines Essen mit: „Pankraz trug auf: einige gebratene Hühner, eine herrliche Sülzpastete und ein Paket feiner kleiner Kuchen.“ Ganz anders dagegen die spärliche Speise, die den „drei gerechten Kammmachern“ in Seldwyla gereicht wird: Im Winter stellte die Meisterin „einen Tag wie den andern eine Schüssel Sauerkraut auf den Tisch und der Meister sagte: ‚Das sind Fische!’ Wenn dann ein Geselle zu sagen wagte: ‚Bitt um Verzeihung, es ist Sauerkraut!’ so bekam er auf der Stelle den Abschied und musste wandern in den Winter hinaus.“ Im Sommer aber, wenn die Gesellen gern auf Wanderschaft gehen, wirft die Meisterin aber schnell ein Stück Schinken auf das Kraut...

 

Besser schon leben die Bauern und Knechte. In „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ wird der Vormittagsimbiss auf dem Feld geschildert: „Für jeden Teil ein schönes Brot, in eine Serviette gewickelt, eine Kanne Wein mit Gläsern und noch irgendein Zutütchen“.

 

Das Keller-Menü

 

Ein Seldwyla-Menü für Keller-Fans könnte so aussehen: Die Vorspeise besteht aus Forellenfilets und gebratenen Gründlingen á la Pineiß. Es folgt eine Rinderbrühe nach Goldacher Art. Als Zwischengang wird eine Geflügelpastete Strapinski, als Hauptgericht Hammelbraten und Sauerkraut mit Schinkenwürfeln gereicht, und als Nachtisch folgt ein Himbeertörtchen nach Glücksschmied-Art. 

 

Manfred Kellner

 

Rudyard Kipling: Rezepte aus dem Dschungelkochbuch

 

Während die Disney-Verfilmung des „Dschungelbuchs“ kaum etwas Gehaltvolleres aufweist als den Song „Probier’s doch mit Gemütlichkeit“, so sind die literarische Vorlage dieses Films und die anderen Werke des englischen Schriftstellers und Dichters Rudyard Kipling eine echte Fundgrube, wenn man sich in ihnen auf Litara-Tour durch Herbergen und Schänken begibt.

 

Mowglis Speisekarte

 

Nicht gerade besonders raffiniert zubereitete Speisen sind es, von denen im Dschungelbuch die Rede ist, doch schließlich wird darin ja auch nicht von Fürsten oder reichen Handelsherren berichtet, sondern von Wölfen, Schlagen, Bären, Tigern und anderen Bewohnern des indischen Urwalds. Und was steht dort auf der Speisekarte? Der „blanke Knochen eines Bocks“ etwa, der für den Schakal Tabaqui zu einem „Festmahl“ wird, als er ihn in der Wolfshöhle findet, die „Nüsse, Wurzeln und Honig“, die der Bär Baloo, Lehrer der Wolfsjungen, isst, oder ein ganzer Bulle, mit dem der Panther Bagheera die Aufnahme Mowglis in das Wolfsrudel erkauft. Und auch bei den Menschen im Dorf erhält Mowgli keine großes Menü, sondern lediglich „viel Milch und etwas Brot“.

 

Bescheiden in seinen Mahlzeiten zeigt sich auch Rikki-Tikki-Tavi, der Mungo aus der gleichnamigen Geschichte. Bewusst verschmäht er die guten Bissen, mit denen er gefüttert wird, weil er sich seine Schnelligkeit und seine Spannkraft für die finale Auseinandersetzung mit den Kobras im Garten erhalten will. Nur „etwas Fleisch“ frisst er, als er auf dem Tisch zwischen den Weingläsern umherläuft.

 

Kims Bettelnapf

 

„Ich habe dir mehr gespart, als der Napf dreimal gefüllt kostet“, behauptet der Bettlerjunge Kim gegenüber einem Ladenbesitzer, nachdem er eine heilige Kuh von den Auslagen vertrieben hat. Und er hat genaue Vorstellungen darüber, wie sein Napf zu füllen ist: „Ein bisschen Reis und trockenen Fisch darauf – ja, und ein bisschen Gemüsecurry!“ Dazu erbittert er sich „einen heißen Kuchen und ein bisschen Eingemachtes“. Bei einer anderen Gelegenheit gab es Kuchen, Zuckerwerk, kaltes Geflügel mit Reis und Pflaumen.

 

Stalkys Internatsgelage

 

Die Lebensmittelversorgung der englischen Internatsschüler wurde schon immer durch private Gelage ergänzt – so auch in Kiplings „Stalky & Co“. Ein typisches Festmahl bestand mehr oder weniger immer aus diesen Zutaten: „Kaffee, Kakao, süße Brötchen, heißes, dampfendes frisches Brot, Sardinen, Würstchen, Schinken- und Zungen-Pastete, Sardellen, drei Sorten Marmelade und mindestens soviel Pfund Devonshire-Sahne“. Eine Art Kriegserklärung zwischen zwei Klassen führte ebenfalls zu einem Imbiss: „Sie krönen die lästerliche Stunde mit eingelegten Zwiebeln und Himbeeressig zum Zeichen des nackten Krieges.“ Die Jungen, deren Mägen damit zurechtkamen, konnten sich zu Recht in der Gewissheit wiegen, später ein Königreich führen zu dürfen.

 

Das Kipling-Menü

 

Und so kann ein Menü aus dem Dschungelkochbuch aussehen: Zu Beginn gibt es eine Pastete mit eingelegten Zwiebeln und Himbeeressig á la Stalky, dann Reis, Gemüsecurry mit Fisch und Eingemachtem nach Art von Kim und zum Nachtisch ein Dschungel-Müsli „Baloo“ aus Nüssen, Honig und Milch.  

 

Manfred Kellner

 

 

Karge Kost bei Julio und Jimmy, dem Gummipferd

 

In den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es in den Illustrierten eine Reihe von deutschen Bildergeschichten für Kinder und Erwachsene – unter anderem auch Fortsetzungsserien, die sich oft über Monate hinzogen: Manfred Schmidts „Nick Knatterton“ in der „Quick“ etwa, Cefischers „Oskar der Familienvater“ in der „Frankfurter Illustrierten“ oder – eines der skurrilsten Beispiele - „Jimmy, das Gummipferd“ aus dem „Sternchen“, der Kinderbeilage beziehungsweise Kinderseite des „Sterns“. Und genau mit diesem Wundertier soll es diesmal auf Litera-Tour gehen.

 

Zu Lande, zu Wasser und in der Luft

 

Jimmy ist ein weißes, rot aufgezäumtes und natürlich lebendes Gummipferd, das gemeinsam mit seinem Reiter Julio, einem Gaucho aus den Pampas Südamerikas, die tollsten Abenteuer erlebt. Zeichner und Texter Roland Kohlsaat schickt die beiden zwischen 1953 und 1977 auf eine fantastische Erlebnisreise rund um die Welt, aufs und ins Meer, auf geheimnisvolle Inseln, in tiefe Höhlen, auf riesige Baumwipfel, in abgeschiedene Landstriche und sogar ins Weltall.  

 

Whisky, Rum und ein paar Nüsse

 

Doch leider: Eine kulinarische Entdeckungsreise ist es leider nicht, die Julio und Jimmy unter-nehmen. Das Gummipferd lebt offensichtlich nur von Luft und der Zuneigung Jimmys – hin und wieder allerdings neigt es zum Whisky-Trinken. Und der Gaucho scheint den Asado nicht zu schätzen, sondern ernährt sich eher vegetarisch: Melonen werden eher beiläufig genannt, Beeren und Nüsse werden ihm von der „Königin der Sumpfmenschen“ gereicht. „Herrliche Früchte“ verlocken Julio zum Hineinbeißen: „Sie sind saftig und süß und prickeln wie Wein auf der Zunge.“ Doch nach dem Genuss schwinden Julio die Sinne – Auftakt für ein neues Abenteuer, im „Reich der Riesenhähne“ diesmal. In der Folge „Intelligente Termiten“ bekommt er zum Frühstück eine „krümelige Masse“: „Ihr Duft ist so appetitlich, dass Julio nicht widerstehen kann und zulangt. Es schmeckt so gut, als wären alle Delikatessen zusammengetan. Julio lässt nichts übrig.“ Einmal soll es „Omelette surprise“ geben, doch die Mahlzeit muss als Verteidigungsmittel genutzt werden. Immerhin kommt es in der Folge „Die hohe Schule des Makkaroni-Reitens“ schließlich doch noch zu einem Makkaroni-Schmaus für Julio und seine Freunde.

 

Roher Fisch

 

Fisch dagegen wird „roh verschlungen“ – nicht von Julio, sondern von einem Fischer, den er heimlich beobachtet und der ihn zum „Geheimnis von Atlantis“ führt. Von einem „Königsschmaus“ ist im „Land der Zentauren“ die Rede, doch auch dabei hält der Gaucho nicht mit. Fässer mit Rum spielen häufiger eine Rolle in Julios Erlebnissen – doch meist sind es andere, die davon trinken.

 

Das Kohlsaat-Menü

 

Ein Gummipferd-Menü könnte so aussehen: Nach einem Begrüßungs-Whisky wird „Jimmys Omelette surprise“ serviert, gefolgt von einem Whisky und der Sushi-Platte „Atlantis“. Das Hauptgericht folgt nach einem weiteren Whisky: „Makkaroni-Auflauf á la Julio“. Zu den abschließenden „süßen Früchten in Rum“ wird noch ein Glas Whisky getrunken.
                                                                                                                                           Manfred Kellner

 

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