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Annaldur Indridason: Schnelle Mahlzeiten zwischen Feuer und Eis

Ein Art isländischer Wallander ist er, dieser Elendur aus Reykjavik; und ähnlich wie Henning Mankell legt auch Annaldur Indridason seinen Helden eher dunkel, unzulänglich, zerrissen an. Dennoch: Auch auf Island wird gegessen und getrunken – wenn manche Gerichte uns auch ein wenig befremdlich erscheinen. Auf jeden Fall: Eine Litera-Tour auf der Insel aus Feuer und Eis ist angebracht.

 

Allerdings: Gourmetrestaurants und kulinarische Höhenflüge finden sich in den Büchern von Endridason nicht. Bodenständige Mahlzeiten sind es, die in den Elendur-Krimis vorkommen, Mikrowellen-Gerichte und auch einmal ein schneller Imbiss. So geht eine Kindergeburtstagsgesellschaft in „Todeshauch“ schon mal in ein „nicht ganz billiges Fastfood-Lokal“, und in „Menschensöhne“ kocht Hafenbrei über – die letzte Mahlzeit eines Menschen.

 

Pökelfleisch im Restaurant

 

Oft genug kommt bei Indridason ein Anruf dazwischen, wenn sich jemand gerade zu Tisch setzen will. So auch gleich zu Beginn von „Todeshauch“: Elendur isst gerade im Restaurant Skúlakaffi Pökelfleisch – geradezu feudal für seine Verhältnisse. „Er ging hin und wieder zum Essen dorthin“, heißt es, „weil es das einzige Lokal in ganz Reykjavik war, wo man deftiges isländisches Essen bekommen konnte.“ Er beugte sich über „fettes Pökelfleisch, Salzkartoffeln, Erbsen und gelbe Rüben in einer leicht süßlichen Mehlschwitze“.

 

Ein Knochenfund – wohlgemerkt nicht in dieser Mahlzeit – bereitet diesem Essen ein schnelles Ende. Er ist nicht der einzige, dem das so geht. Seine Kollegen Bergpóra Elinborg und Sigurdur Oli müssen auf „appetitliches Hühnerfleisch in reichlich Tandoori-Sauce“ verzichten, zu dem sie eigentlich eine Reihe von Gästen eingeladen haben.

 

Fertiggerichte und Mikrowelle

 

Oft aber sieht Erlendurs Abendessen aus wie in „Nordermoor“ geschildert: Er „kam gegen zehn Uhr abends nach Hause und stellte schon ein Fertiggericht in die Mikrowelle“. Ein wenig später macht er sich ans Essen: „Er wusste nicht, was er da aß. Draußen auf der bunt bedruckten Packung stand etwas von fernöstlichen Delikatessen, aber das Gericht, das sich in einer Art Mehlteig versteckte, schmeckte wie säuerliche Brotsuppe.“ Immerhin scheint das eine Art Grundnahrungsmittel des Polizisten zu sein – er ernährt sich, so ist zu lesen, von „Hamburgern, Kantinenessen, Fertigmahlzeiten aus dem Supermärkten, kalten gekochten Schafsköpfen, Quark aus Bechern, geschmacksfreien Mikowellengerichten.“

 

Lieblingsgericht: Fleischsuppe

 

So ist er denn auch richtiggehend verblüfft, als aus seiner Küche Essensgerüche in die Nase steigen, weil dort seine Tochter kocht: „Er hatte schon lange keine Gerüche aus der Küche wahrgenommen.“ Jetzt aber gibt es eine „äußerst appetitliche Fleischsuppe“ – aus Rüben, Möhren, Kartoffeln, Fleischstücken, Kräutern und etwas Fett – ganz offenbar Elendurs Lieblingsgericht.

 

Trotz seiner oft städtischen Ernährungsweise hat Elendur seinen Blick für die Natur behalten. Im „Todeshauch“ fallen ihm nahe des Tatorts vier Büsche auf – Johannisbeersträucher, die später, bei der Aufklärung des Falles, eine gewisse Rolle spielen werden.
 
Das Indridason-Menü

 

Schwierig, so etwas wie ein Eindridason-Menü zusammenzustellen. Vielleicht geht es so: Als erster Gang wird eine isländische Fleischsuppe serviert, kräftig und gehaltvoll. Das Hauptge-richt: Pökelfleisch à la Skúlakaffi. Und als Dessert könnte es eine Quarkspeise sein – vielleicht mit Johannisbeeren.

                                                                                                        

Manfred Kellner

 

 

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