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Wolf Haas: Brenner, Backhendl und Bier aus Puntigam

Jetzt ist schon wieder was passiert. Die Kriminalromane vom Wolf Haas mit dem grantigen Ermittler Simon Brenner wurden kulinarisch unter die Dings genommen, also genau ang'schaut. Weil auch in dieser Hinsicht attraktiv. Ja, und was glauben Sie, was herauskommt bei so einem Kaiserschmarren? Stimmt: eine neue Folge der „Litera-Tour“.

 

Zugegeben: Der Schreib- und Erzählstil von Haas ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Viele Sätze beginnen bei ihm mit: „Weil ...“ oder mit „Jetzt ..“. Und wenn ihm ein Wort zu fehlen scheint, schreibt er einfach „Dings“. Immer wieder spricht er den Leser an („Aber jetzt pass auf ...“), schweift scheinbar ab oder greift vor. Sätze brechen häufig ab oder sind unvollständig. Trotzdem liest sich alles schnell und flüssig – als ob man einem Erzähler zuhört.

 

Bier, Kaffee und Mitternachtsspaghetti

 

Wenn Protagonist Brenner erzählt, wo er geboren ist, geht es immer auch um Bier: Denn er kommt aus Puntigam in der Steiermark – und dann heißt es gern: „Ach, aus Puntigam sind Sie? Wo das Bier herkommt?“ Und dann lächelt der Fragesteller, so freut er sich, dass er einmal wen aus Puntigam kennenlernt. Brenner trinkt übrigens ganz gern einmal ein Bier – es muss nicht unbedingt Puntigamer sein. Am anderen Morgen greift er dann lieber zu Kaffee. Wie heißt es in „Wie die Tiere“ so schön: „Für den Brenner war es schon ein guten Morgen, wenn ihm der Kopf nicht in die Kaffeetasse gefallen ist.“ Und während seiner Tätigkeit als Chauffeur „Herr Simon“ in „Der Brenner und der liebe Gott“ verschwindet die Tochter seines Chefs aus dem Wagen, während er im Tankstellenshop Kaffee trinkt. Und schon ist wieder was passiert ....

 

Irgendwie ist Brennen stets auf der Suche nach einer Freundin – meist vergeblich. So hat ihm in „Brenner und der liebe Gott“ denn auch eine Südtirolerin gleich klargemacht, dass da nichts läuft. Aber sie kocht ihm dann doch so gute Mitternachtsspaghetti, „dass er fast vor Freunde am Tisch eingeschlafen wäre. Weil Südtirolerinnen immer gute Köchinnen.“ Der Brenner hat sich jedenfalls nach drei Tellern Nudeln regelrecht schwanger gefühlt.

 

Grillhendl mit Alufolie

 

Um ein typisch österreichisches Gericht geht es im Haas-Krimi „Der Knochenmann“. Brenner wird engagiert, um einen ebenso unheimlichen wie unappetitlichen Knochenfund in der Grillstation Löschenkohl aufzuklären. Klar, dass er dort als erstes ein Grillhendl serviert bekommt: „Nun darfst du eines nicht vergessen: Ein Löschenkohl-Hendl besteht aus vier Teilen, und du zwei davon isst, zerreißt es dich. Deshalb bringt dir die Kellnerin beim Kassieren automatisch eine Alufolie, da hast du daheim noch eine gute Jause.“ Brenner schafft natürlich auch nicht alles, vielleicht auch, weil er an seine ehemalige Verlobte Fini denken muss, die so gern Hendl gegessen hat: „Weil die hat jede Woche zwei oder drei Hendln gegessen, praktisch süchtig. Und der Fini beim Knochenabnagen zuzuschauen, das ist ein Genuss gewesen. Kannibale nicht dagegen.“  

 

Wiener Würstchenkunde

 

Auf der Grillstation erklärte eine Kellnerin dem Brenner auch, wie es zu den unterschiedlichen Bezeichnungen für die Würstel gekommen ist: Sie seien in Wien von einem Metzger namens Frankfurter erfunden worden, deshalb sprechen die Wiener von Frankfurter – und in Frankfurt orientiert man sich an der Stadt, aus der sie ursprünglich kommen, und spricht von Wiener Würstchen. Doch egal, ob Frankfurter oder Wiener: Heiß müssen sie gegessen werden, empfiehlt die Kellnerin, und das macht Brenner denn auch – wobei er sich natürlich gleich den Gaumen verbrennt. Ist denn alles nur Schmäh?

 

Wiener Schmäh aber ist auf jeden Fall die Bezeichnung für zwei unterschiedlich große Leberkäs-Portionen an einem Krankenhaus-Imbiss: Da wird in „Komm, süßer Tod“ von den Rettungswagenfahrern gern die – kleinere – „Spenderleber“ oder das – größere – „Spenderherz“ verlangt.

 

Der Erzähler macht sich auch Gedanken über das Ausgestalten großer Feste etwa. Fürs Donauinselfest in Wien etwa schlägt er in „Komm, süßer Tod“ vor, „dass sie für ihr Fest einfach die Donau abpumpen und statt dessen Freibier einlassen, da könnten sie sich das ganze Buden-Aufstellen sparen und die Leute einfach zum Ufer treiben, aber leider technisch noch nicht machbar."

 

Das Haas-Menü

 

Schwierig, ein Brenner-Menü zu gestalten: ein Grillhendl muss dabei sein, aber auch ein paar Frankfurter Würstel. Spaghetti dürfen nicht fehlen und Leberkäs auch nicht. Also gibt’s am besten eine Grillplatte á la Brenner: mit vielerlei Sorten Fleisch. Dazu wird Puntigamer Bier gereicht und zum Abschluss trinkt man Kaffee.                                              

Manfred Kellner

 


Wilhelm Hauff: Kochen mit Zwerg Nase

Ob beim kleinen Muck oder bei Zwerg Nase: Beim Dichter Wilhelm Hauff spielen Lebensmittel, spielen Essen und Trinken immer eine Rolle. Wenn das kein Grund ist, einmal mit dem Märchenerzähler aus Stuttgart auf Litera-Tour zu gehen!

 

Ein außerordentlich guter Koch steht im Mittelpunkt des Märchens von "Zwerg Nase". Der Junge Jakob lernt bei einer Hexe das Kochen: Verwandelt in ein Eichhörnchen diente er sich "dort vom Küchenjungen aufwärts bis zum ersten Pastetenmacher und erreichte eine so ungemeine Geschicklichkeit und Erfahrung in allem, was die Küche betrifft, dass er sich oft über sich selbst wundern musste; die schwierigsten Sachen, Pasteten mit zweihunderterlei Essenzen, Kräutersuppen, von allen Kräutlein der Erde zusammengesetzt, alles erlernte er, alles verstand er schnell und kräftig zu machen". Allerdings: Als seine sieben Lehrjahre herum sind, muss Jakob feststellen, dass er in einen Zwerg mit einer riesigen Nase verwandelt worden ist.

 

Dänische Suppe und Hamburger Klöße

 

Und als eben dieser Zwerg Nase macht Jakob dann Karriere als Koch bei einem Herzog - seine Aufnahmeprüfung, eine "dänische Suppe mit roten Hamburger Klößen", besteht er mit Bravour. Über die genaue Rezeptur geht Hauff leider leicht hinweg - wie ein erfahrener Küchenmeister, der sich nicht in die Karten gucken lassen möchte: "Man gebe mir", lässt er Zwerg Nase sagen, "für die Suppe die und die Kräuter, dies und jenes Gewürz, Fett von einem wilden Schwein, Wurzeln und Eier." Etwas konkreter wird's bei den Klößchen: Dafür braucht er "viererlei Fleisch, etwas Wein, Entenschmalz, Ingwer und ein gewisses Kraut, das man Magentrost heißt." Vermuten wir einmal, dass es sich um Hackfleischklöße handelt - aus, sagen wir: Rind-, Schweine-, Kalb- und Geflügelfleisch; und das Kräutlein Magentrost wird wohl Liebstöckel sein. Bei der dänischen Suppe wird Hauff uns einen wesentlichen Bestandteil unterschlagen haben: den dänischen Käse nämlich, der der Suppe wohl ihren Namen gegeben hat.

 

Eine verhängnisvolle Pastete

 

Fast zum Verhängnis und dann zur Erlösung wird für Zwerg Nase die Pastete Souzeraine, die ein Gast seines Herren als "Königin der Pasteten" fordert. Der Koch kennt sie nicht - doch seine Freundin, die in eine Gans verwandelte Tochter eines Zauberers, hilft ihm. Das Rezept bleibt Hauff auch in diesem Fall schuldig, diesmal heißt es nur: "Du nimmst dies und jenes, soundso viel ..." Die Pastete gelingt, doch der Gast vermisst in ihr das "Kraut Niesmitlust". Als Zwerg Nase diese Kräutlein findet, stellt er fest, dass es eben jenes Kraut ist, durch das er erlöst und seine wahre Gestalt wiederfinden kann.

 

Die Feigen des Kleinen Muck

 

Rettung - oder zumindest Gerechtigkeit - findet auch Hauffs Kleiner Muck durch eine Speise: Aufgrund von infamen Intrigen von seinem König verstoßen, findet er in einer Einöde zweierlei Sorten Feigen - die eine lässt einem Eselsohren wachsen, durch die andere verschwinden sie wieder. Durch den geschickten Einsatz dieser Früchte kommt der kleine Muck wieder an seine Siebenmeilenpantoffeln und an sein Zauberstäbchen, um die ihn der König gebracht hat - die heilkräftige Feige allerdings enthält er dem Herrscher aus Rache vor.

 

Das Hauff-Menü

 

Allein aus dem gastronomischen Gehalt dieser zwei Märchen ließe sich ein bemerkenswertes Menü kreieren: Als Vorspeise eine Dänische Suppe mit Hamburger Klößen (also eine Käsecremesuppe mit Hackfleischbällchen), danach die Pastete Souzeraine (die dem Koch alle Möglichkeiten offenlässt, außer dass das Kraut Niesmitlust dabei sein muss - das beispielsweise mit frischem Pfeffer übersetzt werden könnte), und zur Nachspeise frische Feigen (wobei man darauf achten sollte, dass es die richtige Sorte ist, damit die Gäste nicht mit Eselsohren vom Tisch aufstehen.                                                                                                              

Manfred Kellner

 


Heinrich Heine: die Genüsse bei Tisch

Einen guten Bissen und einen guten Schluck schätzte der große, im Rheinland gebürtige Dichter Heinrich Heine zu jeder Gelegenheit. Und diese Vorliebe schlägt sich auch in seinen Werken nieder - wie diese "Litera-Tour durch Herbergen und Schänken" zeigt.

 

Wie wichtig schon dem jungen Dichter das Essen und das Trinken ist, zeigen ein paar Zeilen aus dem "Buch der Lieder", in denen Heine einen "braven Mann" lobt, der immer gut für ihn gesorgt hat - nämlich sich selbst: "Diesen liebenswerten Jüngling / Kann man nicht genug verehren / Oft traktiert er mich mit Austern / und mit Rheinwein und Likören."

 

Das Geflügel, das war göttlich

 

Aber auch von anderen lässt Heine sich gern bewirten - in seinen "Neuen Gedichten" lobt er beispielsweise zwei Damen: "Diese Damen, sie verstehen / Wie man Dichter ehren muss: / Gaben mir ein Mittagessen / mir und meinem Genius. / Ach! Die Suppe war vortrefflich / und der Wein hat mich erquickt / Das Geflügel, das war göttlich / Und der Hase war gespickt."

Austern, Suppe, Geflügel und Wild, Weine und Liköre - keine unangenehme Diät für einen jungen Dichter. Doch auch Deftigeres lässt Heine nicht stehen. Im "Wintermärchen" berichtet er von einem abendlichen Essen in Köln: Er aß "dort Eierkuchen mit Schinken / Und da er sehr gesalzen war / Musst ich auch Rheinwein trinken". Und bei der Gelegenheit lobt Heine eben diesen Wein: "Der Rheinwein glänzt noch immer wie Gold / Im grünen Römerglase / Und trinkst du etwelche Schoppen zu viel / So steigt er dir in die Nase."

 

Die Flaschen leer und die Köpfe voll

 

Und wohl nicht nur in die Nase - denn in seiner "Harzreise" berichtet der Dichter über ein geradezu ausschweifendes Trinkgelage beim Brocken-Wirt: Weißbier wird da getrunken, dann mehr und mehr Wein, Punschbowlen dampfen, und schließlich werden - so Heine - "die Flaschen immer leerer und die Köpfe immer voller". Folge: "Der eine brüllte, der andere fistulierte, ein dritter deklamierte aus der 'Schuld', ein vierter sprach Latein, ein fünfter predigte von der Mäßigkeit, und ein sechster stellte sich auf den Stuhl und dozierte."

 

Heine schläft nicht gut in dieser Nacht - so wie es ihm auch schon in Minden erging, wie er im seinem "Wintermärchen" schreibt: "Im Wirtshaus ward mir noch schlimmer zumut / Das Essen wollt mir nicht schmecken. / Ging schlafen sogleich, doch schlief ich nicht / Mich drückten so schwer die Decken. / Es war ein breites Federbett / Gardinen von rotem Damaste / Der Himmel von verblichenem Gold / Mit einem schmutzigen Quaste."

 

Das Essen in Hamburg, in das Heine seine Deutschlandreise führt, lobt er sehr. Einen dort schwelenden Streit zwischen zwei jüdischen Parteien - den Alten und den Neuen – fasst er frech in einem kulinarischen Vierzeiler zusammen: "Ich liebe die Alten, ich liebe die Neun - / Doch schwör ich beim ewigen Gotte / Ich liebe gewisse Fischlein noch mehr /
Man heißt sie geräucherte Sprotte."

 

Um beim Religiösen zu bleiben - Überlegungen zur Schöpfungsgeschichte verknüpft Heine in seinen Gedichten "Aus der Matratzengruft" mit gastronomischen Gedanken: "Gott gab uns nur eine Nase / Weil wir zwei in einem Glase / Nicht hineinzubringen wüssten / Und den Wein verschlappern müssten."

 

Altgermanische Küche in Hagen

 

Ein wahres Festmenü genießt der Dichter im westfälischen Hagen auf seiner "Wintermärchen“-Fahrt - die "altgermanische Küche", wie er hervorhebt: Von Sauerkraut dichtet er, von gestovten Kastanien mit grünem Kohl, von Stockfischen in Butter, von Bücklingen und geschmorten Eiern, von Würsten in spritzelndem Fett, von Krammetsvögeln mit Apfelmus sowie von einer Gans und einem Schweinskopf in einer Zinnschüssel. Ein reichliches Mahl, sollte man annehmen, doch schon in nahen Unna verspürt Heine bei der Weiterreise schon wieder "ein seltsames Frösteln in den Gedärmen" und findet in einem Wirtshaus "ein hübsches Mädchen", das ihm Punsch einschenkt.  

 

Das Heine-Menü

 

Wäre das nicht eine Idee für ein opulentes "Wintermärchen-Menü à la Heinrich Heine": ein Teller Grünkohl mit Maronen als Vorspeise, dann Bratfisch mit Spiegeleiern sowie Wurst und Sauerkraut, schließlich Geflügel und Schweinebraten, zum Abschluss dann ein dampfendes Glas Punsch? Und auf der Speisekarte kann man die Verse nachlesen, mit denen der Dichter diese Mahlzeit besingt? Nicht nur die Heine-Gesellschaft würde dafür sicherlich die Düsseldorfer Altstadt mit fliegenden Fahnen verlassen ...                                                  

Manfred Kellner     

 

 

 

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